Strukturdebatte darf Schulentwicklung nicht blockieren

Die Struktur G8/G9 beschäftigt derzeit viele Bundesländer. Folgt man der öffentlichen Debatte, hat man den Eindruck, das Wohl und Wehe unserer Schülerinnen und Schüler hänge in erster Linie von dieser Frage ab. Das ist nach einer umfassenden Expertise Prof. Dr. Olaf Köller vom Leipniz-Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik in Kiel wissenschaftlich nicht zu belegen. Er geht sogar so weit, den Trend zurück zu G9 als postfaktisch zu bezeichnen.

Auch meine Erfahrung zeigt mir, gute Schulen kommen mit G8 und G9 klar. Wichtiger als die Strukturfrage sind Schulorganisation und Qualität des Unterrichts.

Folgende Probleme sehe ich beim Trend zurück zu G8

  • Ein Umstieg erfordert immer zusätzliche Anstrengungen, die von Nicht­-Praktikern gerne unterschätzt werden. Das bindet Kräfte, die für eine Weiterentwicklung vor allem in Richtung Digitalisierung dringend benötigt würden.
  • Der Umstieg erfordert hohe Investitionen in Schulgebäude, weil der Platz nicht mehr reicht. Es besteht die Gefahr, dass weniger in die Ausstattung der Schulen und in die Lehrkräfte investiert werden kann.
  • Die Enttäuschung bei den Eltern wird groß sein, denn vor allem die Hoffnung auf weniger Schulstress kann sich nicht erfüllen, weil Hauptstressor die Leistungsanforderungen sind. Außerdem sind Härten für Schülerinnen und Schüler während der Umstellungsphase unvermeidlich. Man denke nur an die Wiederholer des letzten G8-Jahrgangs. Machen die dann zwei Jahre länger?
  • Schulen freizustellen, ob sie G8- oder G9-Schulen sein sollen fordert eine schwierige Entscheidung. Dabei sind wesentlich auch Eltern beteiligt, deren Kinder nicht mehr von der Umstellung betroffen sind. Diese Entscheidung kann Schulen an den Rand der Existenz bringen, weil die Debatte darüber gefühlsmäßig überladen ist.

Natürlich kann eine gute Schule in 9 Jahren mehr leisten als in 8 Jahren. Ganz sicher haben die Schülerinnen und Schüler auch nicht die gleiche Reife. Ein Jahr in dieser Lebensphase macht viel aus. Trotzdem ist die Frage nach der Effizienz der Ausbildung durchaus gerechtfertigt. Ein Jahr mehr ist nicht zum Spartarif für die gesamte Gesellschaft zu haben.

Mein Fazit ist: Die Schulstruktur sollte erst dann geändert werden, wenn es wissenschaftlich belegbare gravierende Gründe gegen G8 gibt. Bis dahin sollte kräftig in die Schulen investiert werden, und zwar in die Gebäude und in die Digitalisierung und in Lehrkräfte vor allem für die Inklusion. Außerdem gibt es ja G9 an den Gesamtschulen.

 

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